Die alte Stadthalle – eines der representativsten Gebäude, die Bingen zu bieten hat. Traumlage direkt am Rhein, 50m zum Rhein-Nahe-Eck, denkmalgeschützter Bau im  klassizistischen Neubarock-Stil – in den 90er-Jahren subkulturell wie wenige Orte im Rhein-Main-Gebiet.

In einer Bauzeit von ca. einem Jahr, 1912 – 1913, wurde der Bau als Festhalle neben dem damaligen Bäderhaus errichtet. Initiator und Bauherr war Kommerzienrat Julius Woog, Sohn eines Binger Weinhändlers. In den 1920ern und 1930ern wurde es auch als Hotel genutzt. Architekt war Robert Leibnitz, der auch das alte „Adlon-Hotel“ neben dem Brandenburger Tor in Berlin entworfen hatte

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Binger Festhalle im Jahr 1914 (Mit Genehmigung von Hendrika Sonntag / www.kaltnaggisch.net)

 

Zwischen 1913 und 1989 trug das Gebäude viele Namen – „Rheinterrassenhotel“, „Hotel Märchenschloss“, „Festhalle Bingen“ oder „Stadthalle“ – die Binger Bevölkerung war erlebnisdurstig, es wurden Bälle, Kongresse und Konzerte darin gegeben.

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Rheinterrassenhotel in den 1930er Jahren ( Mit Genehmigung von Hendrika Sonntag / www.kaltnaggisch.net )

 

1989 – die Technoszene stand ganz am Anfang

Der Betreiber der legendären Frankfurter Diskothek „Music-Hall“, Siggi Laut, suchte einen zweiten Standort für seine Erfolgsgeschichte. Er kaufte die alte Stadthalle und baute sie für über 9 Millionen D-Mark um. In den ersten 5 Jahren wurde das Palazzo als „normale Großraum-Diskothek“ mit Musik aus Pop, Rock und HipHop geführt. Auch erste Techno- und Housepartys wurden hier schon ab 1990, später immer öfter, gefeiert. Endgültig zum Technoclub avancierte der Club im Jahr 1994, als die Veranstaltungsagentur „We-love-Music“ den „Techno-Freitag“ ins Palazzo brachte. Das Berliner Ur-Gestein „Westbam“ eröffnete im Februar ’94 eine Ära, die für zigtausende Jugendliche und junge Erwachsene oftmals zur Identifizierung wurde. Man konnte das Palazzo nicht mit normalen Diskotheken vergleichen – das Publikum verstand sich als eine große Familie, die sich, ihre DJs und den Techno selbst feierten. Diese Definition, die Raves, die daraus enstanden zog Menschen weit über die Grenzen der Region hinaus an.

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Das alte Logo auf einem Aufkleber

 

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Das „rote“ Palazzo in den 90er-Jahren ( mit Genehmigung von Steve Mach / www.mach-online.de )

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Das Palazzo nach dem Umbau ´98 ( Bild vom Mai 2002 – Danke an Stefan Senk www.stefansenk.net )

 

Von jetzt an wurde auf über 1500 Quadratmetern auf 2 Floors gefeiert, zusätzlich gab es das Bistro, den Chilloutclub und die Open-Air-Terrasse. Kaum ein Club bot so viel Platz auf verschiedenen Areas. Bis zu 2500 Personen, die europaweit nach Bingen anreisten, feierten geschichtsträchtige Raves. Die Laseranlage von Steve Mach von „MACH Licht & Ton“ war einzigartig und trug zu dem einzigartigen Charakter des Clubs maßgeblich bei.

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Datenblatt der Lichttechnik (mit Genehmigung durch Steve Mach / www.mach-online.de )

Die Mitte der 1990er Jahre waren geprägt durch den klassischen Trance. Taucher, DJ Dag, Dr. Motte, Marc Spoon, Marc Green oder auch Sven Väth, RMB, Westbam, und etliche mehr gaben sich von nun von Wochenende zu Wochenende Freitags und Samstags die Ehre. Mal reinhören, wie sich das anhörte ? Bitte sehr: Dr. Motte – Licht & Liebe DJ-Set Ab und zu fanden auch Hardcore-Events wie die „Hardcoremania“ ab 180 BPM statt – Lenny Dee, Rotterdam Terror Corps (-> Lenny Dee Liveset aus dem Jahr 1996 ) und viele mehr zerknirschten ebenfalls tausenden wahrhaft wütenden Ravern das Gehirn. Ab 1998 hielt immer mehr der progressive „Schranz“ und mit ihm auch die neue DJ-Generation Einzug. Namen wie Chris Liebing, Marco Remus, Gayle San oder Monika Kruse waren immer wieder auf dem LineUp zu lesen und wurden von der Palazzo-Familie heroisch gefeiert. Und das hörte sich schon ganz anders an…
Mehrere große Razzien der Polizei, die aufgrund von unangenehmer Begleiterscheinungen der Szene – Drogenkonsum und -handel und daraus resultierende Delikte – gegen Ende der 90er Jahre immer häufiger wurden, schwächten den Publikumsverkehr nachhaltig ab. In einer beispiellosen Polizeiaktion gegen das Palazzo wurden über mehrere Wochen hinweg die Zufahrtswege massivst kontrolliert und über 6000 Technofans kontrolliert.
Als Laut sich 1999 zur Ruhe setzen wollte, kauften Joachim Muno und Udo Niebergall den Club. Bis zum Juni 2003 konnte man das Gebäude noch als Technoclub mehr oder weniger wirtschaftlich halten. Weil die Käufer immer wieder den Kauf absagten, gab es 2003 insgesamt drei Closing-Partys – die „Palazzo Closing“ im Februar, die „Palazzo – THE FINAL im März“ und die „13 Years Palazzo“ im Juni. Nach der war dann endgültig Schluss.

Nach den folgenden Bildern aus 1999 – 2003 gehts darunter weiter !

Die Bilder wurden von Stefan Senk zur Verfügung gestellt – vielen Dank, Stefan !

 

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Eine Legende der Clubkultur schloss ihre Pforten und wurde wieder zur Großraum-Diskothek degradiert. Nur noch wenige Technoevents fanden hier noch statt – die WinterWorld im Jahr 2005 von der NATURE ONE-Agentur I-Motion war wohl die nennenswerteste. Mit 2 Partys an Freitag und Samstag Ende Februar 05 und Headlinern wie Chris Liebing, Adam Beyer oder Tiesto wurde nochmals an vergangene Hochzeiten im renovierten Palazzo errinert.

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In den folgenden Jahren wechselte der Name und Besitzer des öfteren. Capitol, H1 Music Hall, Alte Stadthalle, Palais Bingen – letzterer ist derzeit aktuell. Erst der momentane Besitzer hat es geschafft, wirklich die angekündigten Umbaumaßnahmen zu beginnen – vor hatten es alle.

Jedenfalls – 2008 kamen die Palazzomacher zurück – nachdem das Gebäude wieder verkauft wurde, wurde We-love-Music wieder als fester Partner für 5 Events im Jahr ins Boot geholt. Seitdem fanden hier regelmäßig, wenn auch wenige, Palazzo-Events statt.
2015 erwarben die Betreiber des Restaurant Zollamt den Club mit dem Ziel, durch massive Umbaumaßnahmen das Gebäude wieder einer breiteren Masse der Bevölkerung zugänglich zu machen. Angedacht sind Comedyveranstaltungen, Konzerte und Ausstellungen. Dieses Vorhaben scheint allerdings das endgültige Aus für das damals europaweitbekannte Palazzo zu bedeuten. Ein Funke Hoffnung bleibt, wie nach 2003.

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Die Grundsubstanz des Clubausbaus blieb bis zum Januar 2016 weitgehend unverändert, von kleinen kosmetischen Veränderungen mal abgesehen. Derzeit werden erste Schritte der Entkernung vollzogen. Die letzte Party mit komplettem Clubausbau in der Hall war das „Winterliebe Music Festival“ auf drei Floors mit Anthony Rother, Lützenkirchen, PET Duo und Stormtrooper als Headliner am 16. Januar 2016. Das Palazzo öffnete zum letzten Mal am 17. September 2016 – nach insgesamt 27 Jahren, 1 Monat und 17 Tagen und rief offiziell zur Closing-Party. Wie oben schon erwähnt – nicht zum ersten Mal (nervlich ist das überhaupt nicht so einfach !) Kerstin Eden, Björn Torwellen, The Advent und Eric Sneo (Resident-DJ seit 1997, manchen vielleicht bekannt aus der ARD-Kinderhitparade „Alles Banane“) waren Headliner zum „letzten Tanz der Familie“.

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Folgende Bilder zeigen die „Hall“, den Mainfloor des Clubs, in besseren Zeiten:

Folgende Bilder zeigen die „Hall“, den Mainfloor des Clubs während der Umbaumaßnahmen im Januar 2016.

Karsten Lebek - unerlaubte Vervielfältigung wird zur Anzeige gebracht.

Die Palazzo-Sonne, seit 1990 an ihrem Platz

 

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Die Hall von der Bühne aus

 

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Blick von der Brücke nach links (zum Eingang hin)

 

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Blick von der Brücke nach rechts (zum Durchgang ins Bistro hin)

 

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Obergeschoss, Blick zur (ehemaligen) Treppe

 

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Obergeschoss, Blick zur Brücke

 

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Der Himmel, an dem die Sonne immer lacht

 

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Blick zur Bühne

 

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Die Kronleuchter-Aufhängung (Alter ist mir leider unbekannt, durchaus möglich das sie noch zum Urzustand gehören)

 

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Brücke

 

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Hier war früher das DJ Pult – Sven Väth, Chris Liebing, Heckmann – alle Größen der Szene standen hier.

 

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Im Keller – der Aufkleber ist von 1996

 

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Ebenfalls Keller

 

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Hinter der Bühne – hier wurde der Laser gesteuert…

Weitere Bilder folgen hier…