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Forsthaus Heiligkreuz im Binger Wald

 

Der Binger Wald – der südlichste Ausläufer des Hunsrücks.

Wer schon einmal einen etwas größeren Ausflug durch den Wald zwischen Bingen, Waldalgesheim und Trechtingshausen unternommen hat, kam sehr wahrscheinlich irgendwann auch am Forsthaus Heiligkreuz vorbei.

Der Name „Heiligkreuz“ kommt ursprünglich aus dem 18. Jahrhundert, als im Zusammenhang mit der Eremitage „Heilig Creütz“ in einer Kapelle, die durch einen Bürger des Ortes Weiler gebaut wurde, (angeblich) ein Stück Holz vom Kreuz, an das Jesus Christus genagelt wurde, verehrt wurde. Der Begriff Eremit bzw. Eremitage hat verschiedene, miteinander verbundene Definitionen. Da wir hier aber keinen Duden lesen wollen, verweise ich an der Stelle auf Wikipedia. Wir gehen in diesem Fall vom Diözesanerememitentum aus…

Jedenfalls – diese Eremitage (oder auch Einsiedelei) lag am Kreuzbach (damals hies er noch „Heiligkreuzbach“ etwas unterhalb vom heutigen Forsthaus. Laut Berichten wie zum Beispiel hier ist diese aber nicht mehr zu erkennen. „Heiligcreütz“, damals aus Kapelle und Wohnhaus bestehend, ist also eigentlich religiösen, genauer katholischen Ursprungs, wurde aber als Eremitage 1791 (im Zuge der Beschlüsse der bischöflichen Konferenz, das die Eremitagen aufgelöst oder aussterben sollen) aufgelöst. Während der französischen Besatzung 1792-1794 wurde die Kapelle zerstört und das Haus als Wohnsitz für den Waldhüter eingerichtet. Der letzte Eremit, Franz Guttmann, schenkte der Pfarrei Weiler noch einige Stücke aus der Eremitage – diese sind bis heute in deren Besitz.

Als die Stadt Bingen 1830 Eigentümer des Waldes wurde, errichtete sie auf den Grundmauern des Wohnhauses ein neues Haus – was jedoch nicht lange bestand. Scheinbar war der Platz ungünstig gewählt, zu feucht, zu dunkel, oder was auch immer. 1865 musste nämlich wiederrum ein neues Wohnhaus für den Waldhüter gebaut werden – das heutige Forsthaus Heiligkreuz. Das alte „neue“ Haus wurde zum Stall bzw. einer Scheune umfunktioniert, fiel aber 1870 einer Brandstiftung zum Opfer.

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1954 (mit Genehmigung von Hendrika Sonntag / www.kaltnaggisch.net )

 

Das Forsthaus im Jahr 1970 (mit Genehmigung von Hendrika Sonntag / www.kaltnaggisch.net )

Das Forshaus im Jahr 1970 (mit Genehmigung von Hendrika Sonntag / www.kaltnaggisch.net )

2006 (mit Genehmigung von Hendrika Sonntag / www.kaltnaggisch.net )
2006 (mit Genehmigung von Hendrika Sonntag / www.kaltnaggisch.net )

Die Frauen der Förster waren generell dazu gehalten, eine kleine gastwirtschaftliche Einrichtung zu betreiben – woraus später dann, im Zuge des zunehmenden Waldtourismus, die Waldgasthäuser wurden. Einer dieser Förster, Peter Dammel, wurde am 25. April 1920 von einem Soldaten französischer Besatzungstruppen, die im Zuge der Versailler Verträge die linke Rheinseite bis zum Rhein besetzt hielten, erschossen. Im Haus, bzw. vor der inneren Eingangstür, hängt heute noch eine Gedenktafel. Das Heiligkreuz, wurde mindestens seit Anfang der 1960er bis zum Oktober 2013 als gastromischer Gaststättenbetrieb genutzt.

 

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Die Gedenktafel am Eingang

 

Seit 2013, also seit der Schliessung, sind die politischen Lager in Bingen nicht in der Lage, sich darüber einig zu werden, was nun aus dem Forsthaus wird. Allen vorran die FDP sperrt sich seit 2013 dagegen, weitere Investitionen in das Gebäude fliessen zu lassen. Ein Gutachten stellte 2015 fest, das mindestens 800.000 € zur Sanierung des mittlerweile 151 Jahre alten Gebäudes notwendig ist. Grundlegende Arbeiten sind notwendig, vom Dach über den Wohnbereich, sanitäre Anlagen. Die Grundsubstanz jedoch ist weiterhin in mehr oder weniger gutem Zustand, nicht zuletzt auch, weil weiterhin eine konstante Temperatur gehalten wird.

Es gibt oder gab wohl Interessenten, falls diese jedoch abspringen gibt es allen Ernstes überlegungen, das Gebäude abzureissen.  Auf der einen Seite vollkommen absurd, ein Gebäude dieses Alters abzureissen, wenn man es sanieren kann – auf der anderen Seite muss die Sicherheit gewährleistet sein als auch die Tatsache, dass das Gebäude nicht zum finanziellen Faß ohne Boden mutiert. Eine Gratwanderung.

 

Zustand Januar 2016:

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Aussenansicht 1/ Januar 2016

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Aussenansicht 2 / Januar 2016

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Aussenansicht 3 / Januar 2016

Wer sich die Bilder genauer und in Reihenfolge betrachtet, erkennt folgendes:

Früher standen vor der Eingangsfront des Hauses wohl zwei Bäume, vermutlich musste einer aus Sicherheitsgründen irgendwann zwischen den 50er- und den 70er-Jahren gefällt werden. Der Reste des Gemäuers, die ihn umfassten, sind im Laufe der Jahre immer weiter verfallen. Heute sind sie kaum noch zu erkennen. Und auch das Forsthaus wurde desöfteren renoviert – die Fenster wurden erneuert, das Haus wurde irgendwann verputzt und der Eingang bekam einen kleinen Anbau.

 

Weitere Bilder vom Inneren, die ich im Januar 2016 gemacht habe (mit freundlicher Genehmigung der Stadt Bingen) – leider zeigen sie einen sehr traurigen Zustand:

 

UPDATE: Seit Juni 2017 ist das Forsthaus wieder als gastronomischer Betrieb geöffnet. Ein Besuch allemal wert !

 

Wer weitere Fotos und Informationen hat, kann mich > > > H I E R < < < erreichen – ich freue mich sehr über neue Infos !

1 Kommentar

  1. Schön gemacht, Karsten! Weiter so!!!
    Viele Grüße
    Hendrika

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